MACHON MEIR
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT JITRO
Nr. 185
20. Schewat 5759
Diese Woche in der Tora (Ex. 18,1 - 20,23):
Jitro, Moschehs Schwiegervater, kommt zum Volk Israel in die Wüste;
gibt Moscheh Rat,
Richtervollmachten zu delegieren; Bund mit dem Ewigen, ein heiliges
Volk zu sein und seine Worte zu
befolgen; die 10 Gebote am Berge Sinai; das ganze Volk Augenzeugen.
| Frage
und
Antwort Gebet und Musik Rav Schlomo Aviner |
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Frage: Gebete sollen uns Kraft geben. Sie sind die beste
Meditation. Doch wie kann ich
wirklich voll im Gebet aufgehen? Vielleicht kann man sich durch gute
Musik in die
richtige Stimmung bringen, um die Leitung zu G~tt zu öffnen? Man
soll sich doch auf das
Gebet vorbereiten und darauf konzentrieren!
Antwort: Sicherlich kann die passende Musik den Menschen
in höhere Sphären
versetzen. Über den Propheten Elischa heißt es: "Und nun
holet mir einen Saitenspieler.
Und es geschah, wie der Saitenspieler spielte, da kam über ihn
die Hand des Ewigen"
(Könige II, 3,15). Hieraus lernten die talmudischen Weisen, daß
"die Göttlichkeit auf
einem... nur bei freudiger Stimmung anläßlich einer g~ttgefälligen
Handlung ruht"
(Traktat Schabbat 30b). Bekanntlich wurde der Opferdienst im Tempel
von den
Bediensteten des Heiligtums, den Leviten, musikalisch begleitet.
Trotzdem finden wir weder bei den frühen Weisen noch bei den späten
Rabbinern den
Rat, sich durch Musik aufs Gebet vorzubereiten, oder es instrumental
zu begleiten. Als die
Reformbewegung die Orgel in ihren Tempeln einführte, erhob sich
dagegen ein
öffentlicher Aufschrei, weil sie sich dadurch den Christen anglichen.
Aber Hand aufs Herz, warum eigentlich nicht? Offenbar sind uns die Originalmelodien
des Tempels oder des Propheten Elischa verlorengegangen. Anscheinend
bekommen uns
die Methoden nicht, über künstlerische Erlebnisse den Weg
zu G~tt zu finden. Den
Christen sind sie angemessen, denn deren Gebet ist eine Art ästhetisches
Erlebnis, worauf
auch die Bauart ihrer Kirchen hindeutet, welche den Betrachter zu beeindrucken
trachtet.
Im Unterschied dazu ist unser Gebet Dienst an G~tt. Sicherlich
hat es nichts mit
Meditation zu tun, die sich an die Innerlichkeit des Menschen wendet,
der sich dadurch zu
seinem eigenen Gott macht. Doch all dies soll nicht heißen, daß
wir gegen den erlaubten
ästhetischen Genuß sind, der dem Menschen die innere Ausgeglichenheit
verschafft, doch
darf man ihn nicht mit dem Dienst an G~tt verwechseln, vielmehr handelt
es sich dabei
um Dienst an sich selbst. In diesem Sinne hat man stets sich
selbst vor Augen, im
Gegensatz zum Vers "ich nehme den Ewigen mir stets vor Augen" (Psalm
16,8).
Mit diesem Vers beginnen die für die aschkenasischen Juden maßgeblichen
Anmerkungen
von Rabbiner Moscheh Isserles zum "Schulchan Aruch" [dem für das
Judentum im Exil
maßgeblichen Gesetzeswerk]. Dieser Vers prangt vor vielen Vorbetern
in den Synagogen
und steht häufig auf der ersten Seite der Gebetbücher. In
Bezug auf das Gebet will er
ausdrücken: "Wisse, vor wem du stehst". Halte einen Moment
inne; denke ein wenig;
überlege kurz, wer wir sind und wozu wir leben - um zu verstehen
und zu fühlen, daß
unser ganzes Leben seinen Wert nur durch die Begegnung mit dem Worte
G~ttes erhält.
Nicht mit uns selbst wollen wir uns beschäftigen, sondern uns
von uns selbst befreien.
Wenn es uns vergönnt wäre, setzten wir das in die Tat um,
was der "Schulchan Aruch"
über die Vorbereitung zum Gebet vorschreibt:
"Der Betende muß sich in seinem Herzen auf die Bedeutung der
Worte konzentrieren, die
seine Lippen hervorbringen und sich vorstellen, als ruhe die göttliche
Präsenz vor ihm; er
entferne alle ablenkenden Gedanken, auf daß seine Gedanken und
gedanklichen Absichten
ganz rein in seinem Gebet aufgehen, und er stelle sich vor, als spräche
er vor einem König
aus Fleisch und Blut - sicher würde er dann seine Worte sorgfältig
wählen und seine
Absicht genauestens ausdrücken, um keinen Fehler zu begehen -
erst recht, wenn er vor
dem König der Könige steht, dem Ewigen, der alle seine Gedanken
kritisch durchleuchtet;
so taten es die Frommen und Leute der Tat, die sich zum Gebet absonderten
und dabei so
sehr konzentrierten, bis sie sich über ihre Körperlichkeit
erhoben und sie die Kraft ihres
Geistes bis an die Grenzen der Prophetie brachte" (O.C. 98,1).
Doch davon sind wir weit entfernt. Darum müssen wir uns eben anstrengen,
so gut es
geht, auch wenn wir nicht weit kommen. Denn diese Anstrengung und diese
Sehnsucht
gelten auch schon als G~ttes-Dienst.
Und noch eine große Gnade hat uns G~tt erwiesen: Das äußerliche
Verhalten des
Menschen schlägt Wellen in sein Inneres und rüttelt ihn auf,
wie Rabbiner Moscheh
Chajim Luzzatto schrieb: "Die äußerliche Körperbewegung
regt ihr innerlich-seelisches
Gegenstück an, und ganz sicher liegt die äußerliche
Bewegung eher in menschlicher
Reichweite als die innere" (Weg der Frommen, 7.Kap.).
Darum bewegen wir uns sanft beim Gebet, mit milder, angenehmer Stimme,
lesen
Psalmen und hoffen, daß sich bei uns folgender Vers verwirklicht:
"Wie ein Widder sich
nach der Wasserquelle sehnt, so sehnt sich meine Seele nach dir, G~tt.
Es dürstet meine
Seele nach G~tt, nach dem lebendigen G~tte" (Psalm 42, 2-3).
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
Jerusalem: 16.40/17.54
Tel Aviv: 16.58/17.56
Haifa: 16.49/17.54
Die Ansprachen von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen
können Sie jede
Woche auf hebräisch im Internet-Radio hören; das Programm
und weitere Einzelheiten
erhalten Sie unter: http://www.a7.org
Kinder,
Kinder...
Kinderglauben
Rav Elischa Aviner
Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides", wichtigster nach-talmudischer
Kodifizierer jüdischen Gesetzes, lebte vor ca. 800 Jahren) beschreibt
im ersten Kapitel der
"Gesetze vom Götzendienst" die Entwicklung des Glaubens an den
einen G~tt in der Welt,
angefangen bei Adam, über den Irrweg der Menschheit in Richtung
Vielgötterei, bis hin
zum Auftritt der "Säule der Welt", unseres Vorvaters Awraham.
Unter anderem schreibt
Maimonides: "Mit vierzig Jahren erkannte Awraham seinen Schöpfer".
Sein Zeitgenosse,
Rabbiner Awraham ben David ("RaAwaD"), dessen manchmal abweichende
Ansicht in
fast allen Maimonides-Ausgaben mitgedruckt wird, merkt hier an: "Nach
einem Midrasch
- drei Jahre alt, 'weil (="ekew") Awraham auf meine Stimme hörte',
nach dem Zahlenwert
von ekew". "Ekew" Jahre hörte Awraham auf G~ttes Stimme,
d.h. 172 Jahre glaubte
Awraham an G~tt. Da er insgesamt 175 Jahre alt wurde, ergibt sich,
daß er mit drei
Jahren seinen Schöpfer erkannte, und nicht mit vierzig.
Obwohl RaAwaD bei jeder Gelegenheit seine Anmerkungen zu religionsgesetzlichen
Fragen anbringt, ruft diese Glosse Erstaunen hervor. Warum hielt er
es für nötig, auch
dieses Thema zu debattieren? Darüberhinaus bringt dergleiche Midrasch
beide Ansichten
nebeneinander: "Rabbi Schimon ben Lakisch sagte: Mit drei Jahren erkannte
Awraham
seinen Schöpfer... Rabbi Chanina und Rabbi Jochanan sagten: Achtundvierzig
Jahre war
er alt,...". Warum hielt der RaAwaD es ausgerechnet mit Rabbi Lakisch?!
Und noch eine Frage: Waren unsere großen Lehrer, die talmudischen
Weisen, die diesen
Midrasch verfaßten, wirklich unterschiedlicher Meinung bezüglich
einer so wichtigen
historischen Tatsache, wann unserem Vorvater Awraham die Wahrheit des
göttlichen
Glaubens bewußt wurde? Es scheint vielmehr, daß die Autoren
des Midrasch wie auch
Maimonides und RaAwaD nicht über Fakten stritten, weil sich beide
Möglichkeiten
durchaus miteinander vereinbaren lassen. Es kann nämlich sein,
daß ihm mit drei Jahren
die Wahrheit des Glaubens an G~tt zu dämmern begann, und von da
an reifte sie in
seinem Kopf, bis er sie mit vierzig Jahren voll erfaßte. Der
reine kindliche Glauben
unterscheidet sich ganz wesentlich vom Glauben eines erwachsenen Menschen,
der sich
auf die Säulen des Verstandes und auf die tiefschürfenden
Überlegungen der menschlichen
Einsicht stützt. Maimonides beschreibt den Glaubensweg Awrahams
wie folgt: "Sein Herz
prüft hier und versteht dort, bis er den Weg der Wahrheit erreichte,
und er verstand alleine
durch seinen unverfälschten Verstand, wo der Pfad der Gerechtigkeit
langführte, und er
wußte, daß es einen G~tt gibt, der das Weltenrund lenkt,
der alles geschaffen hat, und daß
es außer ihm keinen anderen Gott gibt". Dieser von Maimonides
beschriebene Glauben
findet sich nur bei den größten Weisen, die sich viele Jahre
mit der Klärung von
Glaubensfragen beschäftigen und nach Einsatz höchster geistiger
Anstrengung die volle
Wahrheit erlangen.
Für die Beschreibung der Persönlichkeit unseres Vorvaters
Awraham wählte Maimonides
diesen Glauben, den Awraham erst mit vierzig Jahren erlangte. Warum
zog er ihn vor?
Weil es sich hier um den vollkommenen Glauben handelt, den tiefen,
voll durchdachten,
der den Klärungsprozeß der Einsicht durchgemacht hatte und
zu einem ausgereiften
Glauben heranwuchs. Demgegenüber erscheint der Glauben eines Kindes
blaß und
unausgewogen.
Hier nun setzt der RaAwaD an: Der reine Glauben eines dreijährigen
Kindes ist nicht zu
verachten. Auch er hat seinen Stellenwert, ja sogar Vorzüge: Er
zeichnet sich durch
besondere Vollkommenheit aus, er erfüllt das ganze Herz, er ist
natürlich und
unumschränkt und fließt dem Kind ganz ohne Widerstände
zu. Er spiegelt den
geradlinigen Schöpfungszustand des Menschen wider, bevor dieser
mit seinen kleinlichen
Nützlichkeitsüberlegungen anfängt: "G~tt hat die Menschen
schlicht geschaffen, sie aber
suchen viele Berechnungen" (Prediger 7,29).
Woher hat das Kleinkind diesen Glauben? Kein Zweifel, daß die
Erziehung die
entscheidende Rolle spielt, die nähere Umgebung, das Elternhaus.
Ein Kind, das in einer
Umgebung des Glaubens aufwächst, registriert ihn von Anfang an
und verinnerlicht ihn
ohne jede Distanzierung. Er gilt zunächst als Axiom, das im Laufe
der Entwicklung
jedoch immer mehr in den Hintergrund tritt. Darum ist dieser erste
Schritt der spirituellen
Entwicklung des Kindes Aufgabe der Mutter, sie ist für die Einführung
des Kindes in den
Glauben verantwortlich. "Höre, mein Sohn, die Zucht des Vaters,
und lasse nicht von der
Weisung deiner Mutter" (Sprüche 1,8). Obwohl nach dem Gesetz der
Vater mit der
Erziehung der Kinder beauftragt ist, ihnen Moralbegriffe beizubringen
und ihnen das
"Joch der Gebote" aufzulegen hat, darf man nicht die "Weisung der Mutter"
und ihre
entscheidende Aufgabe außer acht lassen. Die fundamentalsten
Glaubensbegriffe erwirbt
das Kind in seiner ersten Entwicklungsstufe gerade durch die Mutter,
denn durch sie
erhalten die Kinder einen ersten Eindruck von sittlicher Lebensführung.
Folglich beruht das erste Stadium des Glaubens an G~tt auf der häuslichen
Erziehung.
Genauer gesagt: Das erste äußerliche Erscheinen des Glaubens
resultiert aus der
Erziehung, doch seine Wurzeln liegen noch vor der Erziehung: Der Glauben
entspringt
direkt dem "Ebenbild G~ttes" des Menschen. "Und G~tt schuf den Menschen
in seinem
Ebenbilde" (Gen. 1,27). [Fortsetzung folgt]