MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT CHUKKAT
Nr. 204
5. Tammus 5759  (außerhalb Israels Korach)
 

NEU AUF DEUTSCH:
DIE TOLERANZ
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
 

NEU AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen, zum Zuhören
online (z.Zt. am besten mit Internet Explorer)
 

Diese Woche in der Tora (Num. 19,1-22,1):
Wasser mit Asche der roten Kuh zur Beseitigung von
Leichenunreinheit im Tempel; Mirjam stirbt, Brunnen versiegt,
Volk murrt; Moscheh eröffnet neue Quelle, aber nicht genau
wie von G~tt befohlen; Edom verweigert Durchreise; Aharon
stirbt nach Übertragung der Hohepriesterschaft auf seinen
Sohn Elasar; Kana'aniter greifen an und werden geschlagen;
Volk will kein Manna mehr, Strafung durch Giftschlangen;
kupferne Schlange; Volk singt Loblied; Eroberung von Moaw
und Baschan (Transjordanien und Golan).
 
 
Frage und Antwort

Schnorrerei

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Andauernd begegnen wir auf der Straße
Spendensammlern, und besonders auf dem Vorplatz der
Klagemauer. Muß man jedem, der seine Hand aufhält, etwas
geben? Wieviel muß man geben? Einmal gab ich einem Bettler
einen kleinen Betrag, und er gab ihn mir mit einem Blick der
Verachtung zurück; woher weiß ich, ob es sich um einen
echten Bedürftigen oder um einen Betrüger handelt? Darf man
sein Herz verhärten und sich weigern, eine Spende zu geben?

Antwort: Im Allgemeinen gibt man keine Spende ohne
vorangehende ernsthafte Prüfung. Es gibt nur eine Ausnahme:
wenn jemand um etwas zu essen bittet, weil er hungrig ist,
dann muß man ihm sofort etwas geben. So steht es im
"Schulchan Aruch": "Ein Armer, den keiner kennt, und der sagt:
'Ich bin hungrig, gebt mir zu essen', wird nicht ausgeforscht, ob
er ein Betrüger ist, sondern man versorgt ihn sofort. War er
nackt und sagte: 'Bekleidet mich', forscht man ihn aus, denn
vielleicht ist er ein Betrüger" (S.A. Jore Dea, 151,10).

Wenn jemand allerdings Geld hat und keine Mildtätigkeit
("Zedaka") übt, so gilt er als grausam und übertritt ein Gebot
der Tora. Doch wie jedes Gebot hat auch das Gebot der
Mildtätigkeit seine genau festgelegten Grenzen. Entsprechend
der Definition von Mildtätigkeit gibt man nicht jedem, der darum
bittet, sondern nur demjenigen, von dem man mit Sicherheit
weiß, daß er bedürftig ist, wie Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") in seinem "Buch der Gebote" (Verbot Nr. 232)
schreibt: "..nachdem wir über seinen bedrängten Zustand
bescheidwissen". Wer ohne Prüfung spendete, und der
Empfänger stellt sich als Betrüger heraus, hat damit nicht das
Gebot der Mildtätigkeit erfüllt, sondern sein Geld zum Fenster
hinausgeworfen und den wahren Bedürftigen das ihnen
Zustehende vorenthalten.

Einmal wollten Bösewichte den Propheten Jirmijahu ermorden.
So verfluchte er sie: "Herr der Welt, selbst wenn sie etwas
Rechtes tun, schicke ihnen unwürdige Leute, damit sie für ihr
Tun keinen Lohn erhalten" (Baba Kama 16b, nach Jirmijahu
18,23). Auch Gauner wollen manchmal etwas Gutes tun, doch
wenn sie betrügerischen Schnorrern geben, erfüllen sie damit
keinerlei Gebot.

Für alle Gesetze der Tora gilt ein Jude grundsätzlich als
ehrlich, wird als die Wahrheit sprechend angesehen und für
einen aufrichtigen und guten Menschen gehalten, solange nicht
das Gegenteil bewiesen wurde. Doch diese Regel hat einige
Ausnahmen, wie z.B. den oben erwähnten Schnorrer, weil es in
diesem "Beruf" zuviele Betrüger gab. Und so verhält es sich
auch in unseren Tagen. Die religionsgesetzlichen Autoritäten
bestimmten, daß ein Spendensammler grundsätzlich als
Betrüger gilt, bis das Gegenteil feststeht. Es gibt in Jerusalem
einige sehr reiche Schnorrer, einer geht z.B. immer vom
Busbahnhof zur Klagemauer und wieder retour, und bekommt
auf diese Weise 500-800 Schekel (umgerechnet etwa 250-400
Mark) pro Tag zusammen.

Natürlich kann nicht jeder die Prüfung vornehmen, ob es sich
wirklich um einen Bedürftigen oder um einen Betrüger handelt,
vielmehr ist das die Aufgabe eines Rabbinatsgerichtes ("Bet
Din"), das dem Berechtigten einen offiziellen Erlaubnisschein
zum Spendensammeln ausstellt (siehe S.A. Jore Dea 253,12
Anm.).

Auch hierbei ist ein gesundes Maß an Vorsicht vor
Fälschungen am Platze. Einmal fälschte ein Betrüger so einen
Erlaubnisschein und setzte die Unterschrift eines berühmten
Rabbiners ein. Nur hatte er den Namen des Rabbiners mit dem
dessen Vaters, der auch ein berühmter Rabbiner war,
verwechselt, und der war schon vor Jahrzehnten verstorben...

Ein anderer Betrüger sammelte Geld für einen Schwerkranken
mit dessem echten Erlaubnisschein, behielt allerdings das Geld
für sich - bis ihn die göttliche Vorsehung auf seinen
Sammeltouren in das Haus eben dieses Kranken führte, der
schon lange genesen war...

Alles Vorgenannte bezieht sich auf Menschen, die sich in ihrer
Not an Spender wenden, um ihre Probleme zu lösen, und diese
müssen sich in den Fall hineinknien, um den Bedürftigen zu
helfen.

Doch bei einem Armen, der sich an jedermann wendet, einen
nach dem anderen, liegt der Fall anders. Von den
Gesetzesautoritäten wird dieser Typus als ein "von Haustür zu
Haustür Ziehender" bezeichnet. So heißt es im "Schulchan
Aruch": "Einem von Haus zu Haus ziehendem Armen macht
man kein großes Geschenk, sondern eine minimale Gabe"
(ebda., 250,3). Denn er wendet sich an viele Leute und
bekommt von jedem etwas. Wieviel ist eine "minimale Gabe"?
So schreibt Maimonides ("Mischne Tora", Gesetze von den
Armengeschenken, 7.Kap.,Hal.7): "Dem von Haustür zu
Haustür ziehenden Armen gibt man kein großes Geschenk,
aber man gibt ihm eine kleine Gabe. Und es ist verboten, den
bittenden Armen leer ausgehen zu lassen, [und es reicht,]
wenn du ihm nur eine Feige gibst, wie es heißt: 'Laß den
Gebeugten nicht beschämt zurückweichen' (Psalm 74,21)".
Man genügt seiner Pflicht mit einer Feige, oder deren
Gegenwert, d.h. ca. 20 Agorot (10 Pfennig). So kann er
ungefähr 100 Schekel pro Tag sammeln.

Wenn er sich beleidigt gibt und eine kleine Gabe nicht
annehmen will, so ist dies ein Zeichen dafür, daß er in
Wahrheit kein Armer ist. Rabbiner Chajim David Halevi
(früherer Oberrabbiner von Tel Aviv-Jaffo) schrieb dazu:
"Einem Armen, der von Haustür zu Haustür zieht, braucht man
nur eine kleine Gabe zu geben, es ist allerdings verboten, ihn,
der seine Hand ausstreckte, leer ausgehen zu lassen...
Heutzutage gibt es aber Arme, die sich nicht mit einer kleinen
Gabe begnügen, sondern bestimmte Summen fordern, und
nicht weniger, und halten ein von einem Rabbiner oder einem
Arzt ausgestelltes Empfehlungsschreiben in ihren Händen, das
ihrer Forderung Nachdruck verleihen soll. Der Mißbrauch hat
Überhand genommen, und ich bin nicht sicher, ob man sich auf
solche Empfehlungsschreiben noch verlassen kann; da er aber
auf jeden Fall als "die Hand Aufhaltender" gilt, muß man ihm
nicht mehr als die von der Halacha bestimmte minimale Gabe
geben. Ein echter Armer im Sinne der Tora ist nicht verwöhnt
und nimmt alles, was man ihm gibt, nach der Regelung des
Maimonides sogar nur eine Feige. Und für jemanden, der die
Annahme einer minimalen Gabe verweigert, übernehmen wir
keine Verantwortung" ("Aße lecha rav", Bd.9, S.34-35).

Wer also das Gebot von der Mildtätigkeit erfüllen will, wie es
sich gehört, der spende anerkannten und bewährten
Wohlfartsinstitutionen.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 
 
Kinder, Kinder...

Wie interessiert man die Schüler für den Religionsunterricht (3)

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und 
Leiter des Kollels der Jeschiwa
Ma'ale Adumim

In den vorangegangenen Artikeln lernten wir, daß man den
Lehrplan für den Religionsunterricht nicht mit dem
Hauptaugenmerk auf Lust und künstliche Befriedigung durch
"pikante" und amüsante Inhalte aufstellen soll. Das Bestreben,
den Schülern Freude am Toralernen zu verschaffen, ist
durchaus berechtigt und wichtig, doch darf man sich dazu nicht
oberflächlicher Patentrezepte bedienen. Bei ihrer ersten
Begegnung mit der Tora stellt sich bei den Jugendlichen eine
gewisse Schwere ein, die auf der seelischen Kluft zwischen
dem Schüler und der Tora beruht. Diese Kluft läßt sich nur
durch ernsthaftes Torastudium begrenzen und überbrücken.
Die für das Toralernen investierte Anstrengung wird die Seele
der Jugendlichen der Tora näherbringen und in ihnen echte
Freude erzeugen. Demgegenüber besteht die Gefahr, daß eine
auf leichte Erfolgserlebnisse gebaute Erziehung den Schüler
von jeder intensiveren Beschäftigung mit religiösen Themen
abschreckt, die mit einigem Arbeitsaufwand verbunden sind.

Einen Hinweis auf diese Erziehungsrichtlinie fand Rabbiner
Awraham Jizchak Kuk in folgender Talmudstelle: "Jedem
Schüler, der vor seinem Lehrer sitzt, und seine Lippen nicht
[vor Ehrfurcht] Bitternis triefen, mögen sie verbrüht werden, wie
es heißt: 'seine Lippen wie die Lilien, fließende Myrrhe
träufelnd' (Hohlied 5,13), und man lese nicht mor ower
[fließende Myrrhe], sondern mar ower [fließende Bitternis],
auch lese man nicht schoschanim [Lilien], sondern
scheschonim [die studieren]" (Schabbat 30b). Hierbei fragt
man sich natürlich sofort, warum die talmudischen Weisen
daran interessiert sind, daß der vor seinem Lehrer sitzende
Schüler Bitternis verspürt?! Und warum soll er sich
"verbrühen", nur weil er dieses Gefühl nicht verspürt?!
Rabbiner Kuk erklärt, daß die Weisen damit den Schüler am
Anfang seines Studienweges meinen, der noch die Anleitung
durch seinen Rav benötigt ("der vor seinem Lehrer sitzt"), "und
er möchte doch schon die Lehren der Tora ohne Mühen
erreichen und vielmehr durch sie zu Lust und Freude
gelangen". Dieser Schüler kann sich schnell am "Feuer der
Tora" verbrennen ("mögen sie [seine Lippen] verbrüht
werden"), d.h., seine religiöse Entwicklung wird auf Abwege
geraten. Es gibt wohl keinen größeren erzieherischen
Fehlschlag als die Gewöhnung des Schülers an leichte
Erfolgserlebnisse als hauptsächliches Lernziel, und nicht an
Inhalte.

So faßt Rabbiner Kuk zusammen: "Der beginnende Schüler hat
die Pflicht zu wissen, daß er zu den Inhalten vorstoßen muß,
zu den inneren Werten der Tora, und zu diesem Zwecke muß
er auf viele Herzensfreuden verzichten...". Natürlich ist die
Anstrengung beim Lernen ohne das Gefühl sofortiger
Befriedigung nur eine Übergangsphase, mar ower,
vorrübergehende ("fließende") Bitternis, und zu guter Letzt
stellt sich in seinem Herzen die Weisheit ein, die ihn erfreut
und erheitert, und er wird die Süße und die Annehmlichkeit der
Tora spüren".

Aus den Worten Rabbiner Kuks ergibt sich die pädagogische
Schlußfolgerung, daß auf eine Sammlung pikanter Themen,
leichtgewichtiger Ideen und einzeln herausgepickter Rosinen,
die keine besondere intellektuelle Anstrengung verlangen, kein
Lehrplan für Gemara oder religiöse Weltanschauung gebaut
werden darf. Damit ruft er nicht etwa zum Verzicht auf ein
lebendiges, aktuelles und relevantes Torastudium für die
Jugendlichen auf; im Gegenteil, wir müssen ihnen die Relevanz
der Tora verdeutlichen, aufzeigen, daß sie sich auf die
moderne Welt bezieht und mit dem Einzelnen und der heutigen
Gesellschaft verbunden ist. Zu diesem Zwecke müssen in den
Lehrplan religiöse Themen mit aktuellem Bezug eingebaut
werden, die im täglichen Leben der Schüler eine Rolle spielen,
doch muß man sie gründlich in ihren allgemeinen Aspekten
und in allen Details durchnehmen, in ihrer gesamten Tragweite.
Eine Sammlung unverbindlicher Kostproben reicht hier
keinesfalls aus.

Darf man denn nicht einmal ein bißchen Auflockerung in den
Unterricht einbringen, um die Schüler zu amüsieren? Ein
bißchen - ja, das sollte man schon! So wie es in der oben
zitierten Talmudstelle weiter heißt: "Vor dem Unterricht machte
Rabba einige erheiternde Bemerkungen, und die Schüler
freuten sich. Danach setzten sie sich ernsthaft zusammen und
begannen den Unterricht". Was ist mit "erheiternden
Bemerkungen" gemeint? Erklärt Rabbiner Kuk: Erheiternde
Toraauslegungen. Doch war es den Schülern von vornherein
klar, daß sie zwar zur Einleitung ein nettes Torawort zu hören
bekamen, was aber nicht die Hauptsache des Torastudiums
darstellte. (Ende)
 

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Haifa: 19.21/20.34