MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BALAK
Nr. 205
12. Tammus 5759  (außerhalb Israels Chukkat-Balak)
 

NEU AUF DEUTSCH:
DIE TOLERANZ
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
 

NEU AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen, zum Zuhören
online (z.Zt. am besten mit Internet Explorer)
 

Diese Woche in der Tora (Num. 22,2-25,9):
Balak, König von Moaw, fürchtet Invasion der Kinder Israels
und läßt Bil'am, den nichtjüdischen Propheten, kommen, um
durch dessen Flüche das Schicksal abzuwenden; auf der Reise
mißhandelt Bil'am seine Eselin, und sie beschwert sich; auf
G~ttes Befehl segnet Bil'am die Israeliten, statt zu verfluchen,
zu Balaks Mißfallen; das Volk macht sich an die Moabiterinnen
ran, göttliche Strafung durch Seuche; Pinchas, Enkel Aharons,
beendet das Treiben durch Aufspießen des Anführers und
seiner midjanitischen Gefährtin.
 
 
Frage und Antwort

Gewalt !

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie können bei Juden Gewalttaten vorkommen? Wie
kann ein Jugendlicher seinen Freund ermorden, und wie
verhindert man diese Erscheinung?

Antwort: Vor allem anderen müssen wir uns der Furcht vor
Strafe bedienen. Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") erklärt im Buch "Führer der Unschlüssigen",
daß man nicht alle zehn Meter einen Polizisten hinstellen kann,
vielmehr muß man Verbrechen durch Abschreckung verhüten.
Wer etwas anstellt, muß teuer dafür bezahlen. Im Sohar
[Hauptwerk der Kabbala] steht zwar, daß die Furcht vor Strafe
[hier in Hinblick auf die G~ttesfurcht] eine primitive Methode
darstellt: "Wehe dem, der sich nur vor dem Riemen fürchtet".
Und Rabbiner Awraham Jizchak Kuk erklärte dazu, dies
betreffe nur den Fall, wenn die gesamte Erziehung auf Furcht
vor Strafe abzielt und überhaupt nicht auf erhabene Ideale
hinwirkt. Als Basis und Anfangspunkt hat sie allerdings ihre
Berechtigung (Orot Hakodesch, IV S.418). Heißt es doch in der
Tora: "Macht euch Richter und Ordnungshüter in allen euren
Toren" (Dt. 16,18), die der Gewalttätigkeit durch rationale,
geplante und ethisch akzeptable (Staats-)Gewalt begegnen,
oder wie es die talmudischen Weisen ausdrücken: "Wo es
einen Ordnungshüter gibt, gibt es auch einen Richter; und
wenn es keinen Ordnungshüter gibt, gibt es auch keinen
Richter".

Doch damit ist nur die halbe Arbeit getan, vergleichbar etwa mit
dem Ratsältesten, der dem obersten Gericht, dem Sanhedrin,
vorsitzt. Neben und über ihm steht der Naßi, der Präsident und
Fürst des Sanhedrins, der für die ethische Fortentwicklung des
Volkes zu sorgen hat.

Die Polizei allein kann das Problem nicht an der Wurzel
ausrotten. Was allerdings ist dessen Wurzel?

Darüber gibt es zwei Theorien, eine soziologische und eine
psychologische. Die gesellschaftliche oder soziologische
Erklärung behauptet, die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen verursachten Streitigkeiten. In der
Realität bestehen immer geteilte Meinungen und Interessen.
Wenn man sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigt,
kommt es zu Spannungen, die in Gewaltausbrüchen enden
können.

Als Lösung muß man die Menschen lehren, miteinander
auszukommen, sich gegenseitig zu verstehen - und auch mal
nachzugeben. Bis zur Vollendung dieser Aufgabe muß man
sich mit Vermittlern behelfen, den Schülern von Aharon
Hakohen (dem Priester), "der den Frieden liebte und dem
Frieden nachjagte" (Sanhedrin 6b).

Das Problem der Gewalttätigkeit ist so alt wie die Menschheit
selbst. Kaum waren die ersten beiden Menschen auf der Welt,
da brachte Kain schon den Hewel ("Abel") um. Was geschah
seitdem? Die Weisen erklären: Alles fing mit einem Streit an.
Kain und Hewel teilten die Welt untereinander auf: Kain nahm
die Immobilien und Hewel die beweglichen Dinge. Da sprach
Kain: Das Geflügel gehört zum Boden! Darauf antwortete
Hewel: Dann gib mir deine Kleider! Da stand er auf und tötete
ihn. Eine andere Lesart lautet folgendermaßen: Der eine sagte,
auf seinem Gebiete werde einst der Tempel errichtet, und der
andere sagte, auf seinem. Eine andere Lesart berichtet, daß
sie um ihre Drillingsschwester stritten. Ihr Streit hatte einen
wirtschaftlichen, religiösen oder gefühlsmäßigen Hintergrund.
Die Lösung, nämlich die Welt zwischen ihnen aufzuteilen,
mißlang, weil es immer einander überlappende Gebiete gibt.
Der MaHaRaL aus Prag (der "Hohe Rabbi Löw") erklärte, daß
sie sich der falschen Methode der Trennung bedienten, denn
das Wort "MaCHLoKeT" (Meinungsverschiedenheit) setzt sich
aus zwei Teilen zusammen, "Chelek" und "Met" ("Teil" und
"tot"). Die richtige Methode hingegen lautet "Ahawa", Liebe.

Bei Kain lag demnach ein tiefergreifenderes Problem vor: die
Angriffslust. Nicht der Streit verursachte die Gewalttätigkeit,
sondern die Gewalttätigkeit verursachte den Streit. Der Herr
der Welt nahm Kains (vegetarisches) Speiseopfer nicht an,
wegen genau dieser Angriffslust "vor der Türe lagert die
Sünde, und nach dir ist ihr Verlangen; doch du kannst ihrer
Herr werden" (Gen. 4,7; siehe Orot S.32).

Die Aggressivität gehört zu den dem Mensch und Tier
gemeinsamen Instinkten. Darüberhinaus wurde der Mensch "im
Ebenbilde G~ttes" geschaffen, er verfügt über eine göttliche
Seele, doch auch über eine tierische Seele - eine heilige und
eine unreine Seele (Orot Hakodesch III, S.135 u. 235).

Die Frage, ob der Mensch biologisch vom Tier abstammt, hat
auf dem Gebiet der Spiritualität keine entscheidende
Bedeutung. Es geht nicht darum, ob er vom Tier abstammt,
sondern ob er schon den Rang des Menschen erreicht hat.
Bevor er ankommt, hat die tierische Natur des Menschen die
Oberhand. Doch diese Natur ist nicht von ewigem Bestand. Der
Mensch befindet sich in stetigem Aufstieg. Es gibt zwar
Perioden furchtbarer Finsternis, doch geht die allgemeine
Richtung nach oben, besonders, wo es sich bei den Kindern
Israels um "Barmherzige, Schamhafte und Mildtätige" handelt
(Jewamot 79a). Aus diesem Grunde annullierte König David
die Konvertierung der Giv'oniter, nämlich wegen ihrer Neigung
zur Gewalttätigkeit (ebda.). Auf diesen Punkt muß man bei der
Eheanbahnung besonders achten. So steht es im "Schulchan
Aruch": "Wer besondere Frechheit und Grausamkeit zur Schau
stellt, die Geschöpfe haßt und ihnen keine Mildtätigkeit erweist,
erweckt den dringenden Verdacht, von den Giv'onitern
abzustammen" (S.A. Ewen HaEser 2,2).

Dies müßte erst recht in unseren Tagen gelten, wo der
"grundlose Haß", der uns das 2000-jährige Exil beschert hatte,
nicht mehr besteht, denn wie jedermann sieht, hat das Exil mit
der Rückkehr der Verstreuten und der Gründung des Staates
Israel sein Ende gefunden.

Wie läßt sich also begreifen, wenn sich ein Mensch gegen
seinen Nächsten erhebt, ein Mann gegen seine Frau oder ein
Jugendlicher gegen den anderen? Ganz einfach - es gibt
immer schlechte Menschen, die sich nur von harter Strafung
abschrecken lassen. Im Allgemeinen handelt es sich jedoch um
eine gute Generation, wie Rabbiner Kuk in seinem Artikel "Die
Generation" (HaDor) feststellte; die Generation hat einen guten
Kern, aber eine rauhe Schale. Sie wird von vielen Zweifeln,
Befremden und Seelennöten geplagt.

Der Jugend von heute kann man nicht künstlich soziales
Verhalten und gute Charaktereigenschaften beibringen, ohne
sie mit erhabenen Idealen zu verknüpfen. Erziehung zu
Geduld, Frieden und korrektem gesellschaftlichen Verhalten
reichen da nicht aus.

Diese Werte allein füllen die Seele nicht aus. "..gleichwohl wird
die Seele nicht befriedigt" (Prediger 6,7).

Gleichnis von der Prinzessin, die einen Mann vom Volke
heiratete: Er läßt ihr alles erdenklich Gute zukommen, doch sie
sehnt sich nach dem Palast ihres Vaters zurück. Entsprechend
kann man die Seele als Prinzessin sehen, als göttlichen Anteil
aus einer anderen Welt, die immerzu in die Höhe strebt. Die
Jugend befindet sich auf der Suche, und die unbefriedigenden
Ergebnisse lösen Haß und Neid aus. Wenn das Drängen der
Seele nicht befriedigt wird, bricht das Tier im Menschen hervor.
Es fehlt dem Menschen ein roter Faden im Buche seiner
Existenz: ein höchstes spirituelles Ideal.

Darin liegt die Heilung: Mehr Liebe und Emuna (Glauben).
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Balak und Bil'am

Rav Asri'el Ari'el

In diesem Wochenabschnitt begegnen uns zwei Hasser des
jüdischen Volkes: Balak und Bil'am. Die beiden unterscheiden
sich in ihren Zielen und ihren Mitteln, was im Stil ihrer Worte
zum Ausdruck kommt. Als Balak um einen Fluch für Israel
bittet, drückt er das so aus: "..daß ich es aus dem Lande
vertreibe" (Num. 22,6). Demgegenüber bittet Bil'am von G~tt
Erlaubnis mit den folgenden Worten: "..und es zu vertreiben"
(Num. 22,11). Über diesen Unterschied lesen wir im
Raschikommentar: "'zu vertreiben' - aus der Welt... Bil'am aber
haßte sie mehr als Balak". Woher stammt dieser Unterschied
zwischen den beiden?

Die Hasser des Volkes Israel teilen sich in zwei Sorten: Die
eine strebt nach der völligen Auslöschung seiner Existenz. Die
andere ist dahingegen etwas "milder" gesinnt: Die Existenz des
jüdischen Volkes stört diese Leute nicht. Aber eine Sache
können sie total nicht vertragen, nämlich daß das jüdische Volk
ein souveränes Staatswesen in seinem eigenen Lande
unterhält. Sie können sich wohl mit einem Volk der
Torastudierenden abfinden, das in der Wüste sitzt und sich im
Glanze der göttlichen Präsenz sonnt. Sie können sich mit dem
"Volk des Buches" abfinden, als Volk von Jeschiwa-Schülern,
die sich im "Zelte der Tora" abmühen. Sie sind bereit, die
Juden als Minderheit unter ihrer Herrschaft zu dulden. Wenn
aber plötzlich das "Volk des Buches" das "Volk des Landes"
sein will - dem widersetzen sie sich mit allem Nachdruck. Sie
sind nicht bereit, das jüdische Volk sich mit weltlichen Dingen
beschäftigen zu lassen, wie die Gründung eines Staates, den
Aufbau der Wirtschaft und den Unterhalt einer Armee. Sie
möchten es als spirituelles Volk erhalten, dessen weltliche
Angelegenheiten von anderen Völkern geregelt werden. Sie
möchten das Volk Israel nicht "aus der Welt vertreiben",
sondern nur "aus dem Lande" - aus der Landverbundenheit
und dem Materialismus, hin zu einem vom weltlichen Leben
abgekoppelten geistigen Leben.

Darauf bezieht sich nun der Segen Bil'ams, als er sprach: "Wer
zählt den Staub Jakovs?" (Num. 23,10), d.h. wer kann die
Mitzwot (Gebote) zählen, die sie mit dem Staub der Erde
erfüllen? Verbot der Artenkreuzung, Armengeschenke vom
Bodenertrag, Abgaben und Verzehntung des Feld- und
Baumertrages für die Priester und die Leviten, das Brachjahr,
das Joweljahr (Rückkehr der Grundstücke zu ihren
ursprünglichen Eigentümern), Verbot des Baumertrages der
ersten drei Jahre (Orla) und Heiligung des Viertjahresertrages.
Gerade diese vom Lande abhängigen und mit dem Landleben
in eherner Verbindung stehenden Gebote kontrastieren die
Hintergedanken von Balak, dem König von Moaw.
 

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